Dr. Stefan Frerichs

Aufsätze: Newstrends (Auszug)

 

"Neue psychische und ethische Anforderungen an Nachrichtenjournalisten."
(in: EJO-Online.eu)

Von meinem ursprünglichen Aufsatz "Newstrends: Zur Zukunft des Nachrichtenjournalismus" habe ich auch einen stark gekürzten Auszug am 14. Juni 2016 bei EJO-Online.eu veröffentlicht:

Digitalisierung und Internet haben nicht nur den Journalismus völlig verändert, sondern auch das Nutzerverhalten. Dadurch entstehen für Nachrichtenredaktionen neue Anforderungen, auf die sie vorbereitet sein sollten.
Mediennutzerinnen und nutzer erwarten, dass aktuelle Informationen nicht nur über Zeitung, Radio und Fernsehen, sondern auch über das Internet schnell und zuverlässig verbreitet werden. Nachrichtenredaktionen müssen deshalb (egal ob sie ursprünglich nur im Print-Journalismus oder im Rundfunk veröffentlicht haben) eine schnelle und zuverlässige Online-Verbreitung beherrschen – auch über soziale Netzwerke. Zugleich müssen Nachrichtenredaktionen in der Lage sein, neben klassischen Recherchemethoden auch die Möglichkeiten des Internets auszuschöpfen. Hierzu gehören eine über bloßes Googeln hinausgehende qualifizierte Online-Recherche und die systematische Beobachtung sozialer Netzwerke. Eine besondere Herausforderung für Redaktionen ist der Umgang mit (bewegten) Bildern: Einerseits müssen sie für ihre eigenen Internetauftritte attraktive Foto- und Videoangebote haben und diese auch für soziale Netzwerke optimieren. Andererseits müssen sie in der Lage sein, fremdes Bildmaterial für die eigene Berichterstattung auszuwerten und vor einer Weiterverbreitung zu verifizieren.

Umgang mit Bildmaterial aus dem Internet

Diese Anforderungen bedeuten für Nachrichtenredaktionen bei ungewöhnlichen Ereignislagen (wie Anschlägen oder Katastrophen) nicht nur eine quantitative, sondern auch eine qualitative Mehrbelastung. Zum einen wird in solchen Situationen in Redaktionen zusätzliches Personal benötigt – beispielsweise zum Social-Media-Monitoring oder zur Bild-Verifizierung. Zum anderen kann der direkte, ungefilterte Zufluss von schockierenden Fotos und Videos für Nachrichtenjournalisten eine psychische Belastung bedeuten, auf die sie nicht ausreichend vorbereitet sind. Zuletzt haben die Anschläge in Paris 2015 und das Zugunglück bei Bad Aibling 2016 gezeigt, dass aktuelle (bewegte) Bilder inzwischen nicht nur von Journalisten über Massenmedien, sondern auch von Augenzeugen über soziale Medien verbreitet werden.
Somit könnten künftig auch Live-Videos beispielsweise von einem Schulamoklauf oder einer Massenpanik in sozialen Netzwerken auftauchen. Außerdem ist zu befürchten, dass bei Anschlägen nicht nur Opfer, sondern auch die Täter in Echtzeit (bewegte) Bilder zu propagandistischen Zwecken über das Internet verbreiten. Nachrichtenredaktionen sollten sich deshalb darauf einstellen, dass sie bei Anschlägen, Geiselnahmen oder Unglücken schockierende Fotos und Videos vom unmittelbaren Geschehen verarbeiten müssen. Der direkte, ungefilterte Zufluss von (bewegten) Bildern mit Gewalt, Leid und Tod stellt Nachrichtenjournalisten vor neue psychische, aber auch ethische Anforderungen.

Trauma-Vorbeugung in Nachrichtenredaktionen

Die Forschung hat traumatisierende Erfahrungen von Journalisten bislang vor allem im Zusammenhang mit Erlebnissen von Reportern bei Katastrophen oder in Kriegssituationen thematisiert. Mit den psychischen Belastungen für Journalisten in Nachrichtenredaktionen durch schockierende Fotos und Videos im Internet hat sich die Forschung dagegen erst vereinzelt beschäftigt. So hat das britische Forschungsinstitut Eyewitness Media Hub in einer weltweiten Umfrage ermittelt, dass 52 Prozent der teilnehmenden Journalisten mehrmals in der Woche schockierendem Bildmaterial ausgesetzt sind. 40 Prozent der Befragten gaben an, dass dadurch ihr Privatleben beeinträchtigt wird, weil sie beispielsweise unter Angstzuständen oder Alpträumen leiden. Eyewitness Media Hub empfiehlt unter anderem, Journalisten darin zu schulen, Symptome für psychische Belastungen zu erkennen und sie als normale menschliche Reaktion zu akzeptieren.
In anderen Berufen (wie bei Polizei oder Rettungskräften) ist eine psychologische Betreuung nach schockierenden Situationen längst üblich. Nachrichtenjournalisten und redaktionen sollten daher nach meiner Ansicht über folgende Maßnahmen nachdenken:

  • Seien Sie vorbereitet: Passen Sie Alarmpläne an die neuen Anforderungen durch Online-Verbreitung und Recherche an!
  • Bleiben Sie arbeitsfähig: Schirmen Sie einen Teil der Redaktion von schockierenden (bewegten) Bildern ab!
  • Sichten Sie nicht allein: Schockierendes Bildmaterial sollte möglichst von zwei Personen gemeinsam geschaut werden!
  • Überlasten Sie sich nicht: Machen Sie beim Sichten von schockierendem Bildmaterial regelmäßige Pausen!
  • Entschärfen Sie Gewaltvideos:
    - Schalten Sie den Ton ab,
    - sichten Sie Videos erst einmal auf einem kleineren Bildschirm,
    - sichten Sie Filme zunächst einmal im Schnelldurchlauf,
    - stoppen Sie Videos zwischendrin immer wieder und
    - schauen Sie Filme mit brutalem Schluss nicht zu Ende!
  • Schützen Sie Kollegen: Kennzeichnen Sie bereits gesichtetes Material im Titel und in der Inhaltsbeschreibung, wenn darin schockierende Inhalte sind!
  • Schützen Sie sich selbst: Fordern Sie von Ihrem Unternehmen professionelle psychologische Hilfe und nehmen Sie sie an!

Bildethik in Nachrichtenredaktionen

Neben solchen psychischen Belastungen stehen Nachrichtenjournalisten durch ihre Arbeit mit (bewegten) Bildern aus dem Internet auch vor besonderen ethischen Anforderungen. Das Thema ist nicht neu und wird beispielsweise im Pressekodex des Deutschen Presserates behandelt. Die Notwendigkeit, fremdes Bildmaterial für die eigene Berichterstattung auszuwerten und zu verwenden, wirft aber für Nachrichtenredaktionen verschiedene Fragen auf.

  • Welche (bewegten) Bilder werden verbreitet, welche nicht?
  • Wird eine unangemessene Darstellung von Gewalt, Leid und Tod vermieden?
  • Werden die Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten geachtet?
    - Werden die Rechte von Kindern und Jugendlichen sowie
    - Opfer von Gewalttaten und Unglücken besonders geschützt?
  • Haben Sie Bildbearbeitungen gekennzeichnet?
  • Wird das Bildmaterial durch die Bearbeitung verfälscht?
  • Entspricht die Bildbeschreibung den Tatsachen?
  • Haben Sie die Bildquellen korrekt angegeben?
  • Müssen die (bewegten) Bilder anonymisiert werden?
    - Sollen Quellenangaben bewusst weggelassen,
    - Teile des Bildmaterials verpixelt oder
    - Meta-Daten entfernt werden?

Erstveröffentlichung: http://www.stefre.de/html/nachrichtenzukunft.html

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht
am 14. Juni 2016 bei EJO-Online.eu

 
Newstrends: Zur Zukunft des Nachrichtenjournalismus
 
   


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